Sollten China, Indien und Co. in der Vermögensverwaltung übergewichtet werden?

In Schwellenländern entwickelt sich die Wirtschaft oft besonders dynamisch. Das legt den Schluss nahe, dass dort auch die Aktienmärkte boomen und überdurchschnittliche Renditen zu erwarten zu sind. Macht es daher Sinn, bei der Anlageberatung solche Märkte höher zu gewichten, um damit die Performance zu verbessern?

Der gelieferte Erklärungszusammenhang ist simpel. Wenn die Wirtschaft in einem Land stark wächst, florieren dort auch die Unternehmen. Das schlägt sich in besonders hohen Gewinnen nieder und führt zu entsprechend positiven Kursentwicklungen an den jeweiligen Börsen. Das klingt logisch und ist für den Anlageberater, wie für Börsenlaien nachvollziehbar. Leider trifft es nicht die Wirklichkeit.

Kein statistischer Zusammenhang feststellbar

Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit dem Verhältnis von Wirtschaftswachstum und Aktienrenditen befassen. Sie kommen fast immer zu dem gleichen Ergebnis: es kann kein signifikanter statistischer Zusammenhang nachgewiesen werden. Im Gegenteil: es sind gelegentlich Konstellationen feststellbar, in denen Wirtschaftswachstum und Aktienrenditen sich sogar gegenläufig entwickeln. Gemessen wird der statistische Zusammenhang mit der Korrelation. Die liegt in solchen Untersuchungen in der Regel nahe Null. Das gilt sowohl bei Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Wirtschaftswachstum und Aktienrenditen in einem Land (Längsschnittanalyse) als auch beim Vergleich von unterschiedlichen Ländergruppen mit jeweils gleichartigen Wachstumsraten (Querschnittsanalyse).

Ein schlagendes Beispiel dafür, dass die Rechnung nicht aufgeht, ist China. Die Volksrepublik gehört unbestritten zu den wachstumsstärksten Wirtschaftsnationen auf dem Globus. Dennoch waren die Aktienrenditen in der Vergangenheit keineswegs berauschend. Auf Zehn-Jahres-Sicht hat der Shanghai Composite Index als ein maßgeblicher chinesischer Aktienindex sogar zwei Prozent verloren. Im Vergleich dazu ist der amerikanische Aktienindex S&P 500 im gleichen Zeitraum um fast 90 Prozent gestiegen, obwohl die US-Wirtschaft nachweislich wesentlich weniger stark gewachsen ist als die chinesische.

Die ökonomische Begründung

Wenn statistisch kein Zusammenhang besteht, wie lässt sich dies auch ökonomisch erklären? Dafür gibt es verschiedene Ansätze:

- das Wirtschaftswachstum eines Landes wird nicht nur durch börsennotierte Unternehmen geprägt. Nicht selten haben nicht-börsennotierte Firmen den größeren Anteil daran. Daher müssen Wachstumsraten und Aktienrenditen nicht unbedingt "gleich laufen";

- bei Aktienkursen gibt es häufig zyklische Kursschwankungen nach oben oder unten, das Wirtschaftswachstum entwickelt sich davon unabhängig;

- ein erwartetes hohes Wirtschaftswachstum ist in der Regel in den Kursen bereits lange vor seiner Realisierung eingepreist. Tritt es dann tatsächlich ein, führt das nicht mehr zu überproportionalen weiteren Kurssteigerungen.

Folgen Sie keinem Trugschluss

Als Fazit bleibt daher festzuhalten: der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Aktienrenditen ist ein Trugschluss. Er lässt sich weder statistisch nachweisen noch ökonomisch begründen. Von daher besteht kein Grund, deswegen Schwellenländer-Aktien in der Vermögensverwaltung beziehungsweise Anlageberatung überzugewichten.

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